An einen Besichtigungstermin im Herbst erinnere ich mich noch besonders gut. Es ging um ein sehr gepflegtes Einfamilienhaus mit schönem Garten, moderner Terrasse und insgesamt wirklich gutem Eindruck. Als ich losgefahren bin, war das Wetter noch halbwegs stabil – stark bewölkt zwar, aber noch trocken. Ich dachte mir schon: Hoffentlich hält es zumindest bis nach der Besichtigung.
Die Interessenten waren pünktlich da, wir haben uns zuerst in Ruhe das Haus angesehen, und die Stimmung war sehr gut. Das Objekt kam wirklich gut an. Helle Räume, schöne Raumaufteilung, ein gemütlicher Wohnbereich – also genau so, wie man sich eine angenehme Besichtigung wünscht.
Was eine Besichtigung wertvoll macht
Dann wollten wir noch gemeinsam in den Garten und auf die Terrasse hinausgehen. Kaum waren wir draußen, hat es plötzlich zu regnen begonnen – und zwar nicht ein bisschen, sondern richtig kräftig. Innerhalb weniger Minuten war alles nass. Die Terrasse glänzte schon vor lauter Wasser, auf den Wegen sammelten sich kleine Lacken, und wir mussten uns ziemlich spontan unterstellen. Natürlich war das in dem Moment eher unbequem als romantisch. Aber genau dieser Regenguss hat uns etwas gezeigt, was man bei Sonnenschein nie bemerkt hätte.
An einer Stelle bei der Terrasse hat sich das Wasser auffällig gesammelt, und auch im Garten hat man sofort gesehen, wie es abläuft – beziehungsweise an manchen Stellen eben nicht optimal abläuft. Für die Interessenten war das plötzlich ein ganz anderer Blick auf die Liegenschaft. Es war nichts Dramatisches auch kein Grund, das Haus deshalb schlechtzureden. Aber es war eine wichtige Information, die man bei strahlendem Sonnenschein wahrscheinlich gar nicht wahrgenommen hätte.
Und genau darin liegt für mich auch der Wert solcher Besichtigungen. Natürlich wünschen sich Verkäufer und Interessenten am liebsten Sonnenschein, blauen Himmel und einen Garten, der sich von seiner schönsten Seite zeigt. Aber eine Immobilie muss eben nicht nur an perfekten Tagen funktionieren.
Bei Regen sieht man beispielsweise sehr schnell, ob Wasser von der Terrasse gut abläuft, ob sich bei der Einfahrt Pfützen bilden, wie die Wege beschaffen sind oder ob Dachrinnen und Fallrohre ihren Zweck erfüllen. Auch bei einem Keller kann ein nasser Tag durchaus aufschlussreicher sein als drei Besichtigungen bei trockenem Wetter.
Ich erinnere mich noch, dass wir schließlich trotzdem wieder hinausgegangen sind. Mit Regenschirm und nicht mehr ganz so sauberen Schuhen haben wir uns den Garten noch einmal genauer angesehen. Spätestens da war aus der klassischen Immobilienbesichtigung fast schon eine kleine Herbstexpedition geworden – und wir mussten alle darüber lachen.
Was mir besonders gefallen hat:
Die Interessenten ließen sich davon überhaupt nicht abschrecken. Im Gegenteil. Sie meinten, dass sie froh darüber seien, das Haus einmal unter solchen Bedingungen gesehen zu haben. Denn sollte es ihr zukünftiges Zuhause werden, würden sie dort schließlich nicht nur bei Sonnenschein leben.
Am Ende ist diese Besichtigung tatsächlich ein wenig „ins Wasser gefallen“. Für die Kaufinteressenten war sie aber wahrscheinlich gerade deshalb besonders wertvoll. Und für mich war es wieder einmal eine Erinnerung daran, dass eine Immobilie manchmal genau dann am ehrlichsten ist, wenn sich das Wetter von seiner weniger schönen Seite zeigt.